Mittwoch, 13. Februar 2013

Hier sollte einmal das Glück Flügel bekommen...

...die Idee der funktionalen Stadt ist gescheitert - trotzdem breitet sie sich aus. Was mit der Psyche der Menschen geschieht, wenn Architektur keine Geborgenheit mehr vermittelt, kann man in Cergy-Pontoise bei Paris besichtigen.    


Da war die Stadt noch jung - Luftbild aus dem Jahr 1972 - Foto AFP
Manche Städte machen den Menschen krank. Den einen mehr, den anderen weniger, aber eben krank. Cergy-Pontoise ist so eine Stadt. Die Rate der Selbstmordversuche bei unter Vierzigjährigen ist hier beinahe doppelt so hoch wie im Rest Frankreichs: Auf 100.000 Menschen kommen 350 Selbsttötungsversuche, und die Trabantenstadt vor Paris ist nicht unschuldig am seelischen Unglück ihrer Einwohner, sie ist ja deren Zuhause, zumindest soll sie das sein. Aber ist sie es?

Man fragt die Menschen in Cergy-Pontoise, was ihnen zu ihrer Stadt einfällt: „Industrie“, sagen sie, „modern“, „Schlafstadt“, „ein junger Ort“, „nichts“, „Langeweile“. Sie sagen auch: „ruhig“, „traurig“, „grün“ und dass man kann hier gut leben könne ohne Papiere. „Paris ist nah“, „es gibt keine Altstadt“. „Cergy-Pontoise“, sagen sie, „ist tot.“

AUF DEN KOPF GESTELLT

Die tote Stadt liegt dreißig Kilometer nordwestlich von Paris und schmiegt sich hufeisenförmig in die letzte Schleife der Oise. In den sechziger Jahren war Cergy ein überschaubarer Ort, der gut zweitausend Bewohner zählte, dann platzte Paris aus allen Nähten, und man gründete die neuen Trabantenstädte, les villes nouvelles, fünf insgesamt, eine davon war Cergy-Pontoise, wohin man die Menschen gewissermaßen outgesourct hat. 

Heute hat Cergy-Pontoise 200.000 Bewohner. Die Stadtplaner fanden es eine hervorragende Idee, die Stadt in drei Ebenen zu unterteilen. Auf der untersten Ebene verlaufen die Schienen, darüber fahren die Autos, weshalb die Menschen in der Innenstadt, die sich auf der obersten Ebene bewegen, nicht durch irgendeine Art von Verkehr gestört werden. Wer in Cergy-Pontoise mit dem Zug ankommt, muss also erst einmal die Rolltreppe nach oben nehmen. Wäre die Trabantenstadt ein Haus, die Besitzer würden ihre Gäste im Keller empfangen.

Das architektonische Kernstück bildet eine vier Kilometer lange Achse, drum herum Beton im Überfluss, Asphalt, Geschäftsgebäude mit Glasfassaden, Einfamilienhäuser, Mehrfamilienhäuser, Wohnsilos, Plattenbauten und ein Universitätscampus, der so leergefegt ist, als hätte ihn eine Spezialeinheit aufgrund einer Bombendrohung geräumt. 

Wenn das neue Theater fertiggestellt ist, wird es wie ein überdimensioniertes, in Goldpapier verpacktes Geschenk vor einem stehen. Das Rathaus, ein großer Kasten, soll eine auf dem Kopf gestellte Pyramide darstellen, was man nur mit Mühe erkennt. Im Stadtteil Cergy-Saint-Christophe befindet sich die größte Bahnhofsuhr Europas, jedenfalls sagt das der Taxifahrer, man könne es im Internet nachlesen. Dort liest man allerdings, dass der Schweizer Ort Aarau diese Auszeichnung ebenfalls für sich beansprucht.

NOCH SCHLIMMER ALS HÄSSLICHKEIT

Damit sich die Einwohner von Cergy-Pontoise auch in ihrer Freizeit wohl fühlen, legte man 250 Hektar künstliche Seen und Grün an, es gibt einen Wald, man kann in Cergy-Pontoise schwimmen, Rad fahren, reiten, im Gras liegen, spazieren gehen, sich erholen. Man fragt im Rathaus, ob Cergy-Pontoise eine gelungene Stadt sei. Ein netter älterer Herr im etwas abgewetzten Anzug, der damals an der Planung beteiligt gewesen ist, antwortet: „Alles, was die Menschen brauchen, ist da.“ „Cergy-Pontoise“, sagt er, „ist wunderbar.“ Er selbst zog bereits vor zwanzig Jahren mit seiner Frau aus der Stadt fort, weit hinaus aufs Land.


Es wäre ungerecht zu behaupten, Cergy-Pontoise sei ähnlich hässlich wie zum Beispiel St-Denis oder Noisy-le-Sec, wo sich die Wohnsilos gegenseitig zu erdrücken drohen. Als gewalttätige Jugendbanden randalierend durch die Banlieus zogen und das Land in Schrecken versetzten, waren die Bilder jener unwirtlichen Städte omnipräsent. Die Stadt an der Oise aber strahlt nur eine unfassbare Leblosigkeit aus, was womöglich noch schlimmer als Hässlichkeit ist.

Das Rathaus - eine auf den Kopf gestellte Pyramide (Quelle: Wikipedia)

DIE SEELE IST UNPLANBAR

Dabei sollte Cergy-Pontoise das Glück der Menschen beflügeln. Es sollte die perfekte Stadt sein, die ihren Einwohnern Raum zum Atmen gewährt, statt sie einzupferchen, wie Paris es tut. In Cergy-Pontoise ist alles nah, der Arbeitgeber, der Kindergarten, die Schule, der Supermarkt, das Einkaufszentrum, sogar das Land, so war es gedacht. Ein multifunktionaler Ort, die Utopie einer besseren Stadt. Als wäre das Gefühl von Behaustheit nicht mehr als eine Frage der Berechnung, die sich am Zeichentisch erledigen lässt. Um ganz sicherzugehen, durften Kinder ein paar Straßen Namen wie chemin de soleil geben. Das ändert leider nichts daran, dass Cergy-Pontoise in etwa so viel Wärme ausstrahlt wie ein Kühlschrank.

Die meisten der weltweit sieben Milliarden Menschen wohnen mittlerweile in Städten, von denen immer mehr aussehen wie Cergy-Pontoise, genauer gesagt sind sie in ihnen untergebracht, lauter „freiwillige Gefangene von Arealen, deren Gleichförmigkeit die Gleichförmigkeit ihrer Einwohner zur Folge hat“, schrieb Günter Kunert einmal. Doch was, fragt er zu Recht, wird dann eigentlich aus Walter Benjamins Flaneur, aus dessen ästhetischer Neugierde, wenn es nichts mehr zu entdecken gibt, keine städtischen Details, keine baulichen Eigenheiten, keine aufregenden Hausdurchgänge oder verwunschene Gartenhäuschen? Cergy-Pontoise wäre für den Flaneur reine Folter, denn nichts, gar nichts würde in sein Gedächtnis sickern, weil Cergy-Pontoise wie allen am Reißbrett entworfenen Städten das Unverwechselbare fehlt. Er würde nirgendwo stehenbleiben, niemals staunen. Walter Benjamins Flaneur ist schon lange tot. Die moderne Stadt hat keine Verwendung mehr für ihn.

Wie von der Seele eines Menschen spricht man bekanntlich auch von der Seele einer Stadt. Die Seele ist unplanbar. Städte ziehen einen an oder stoßen einen ab, sie inspirieren, lassen kalt, verstören oder verlocken. Egal, in welche Stadt man reist, der erste Weg führt einen in die Altstadt. Dort liegen die Anfänge. Der Mensch mag es, sich umgeben von Geschichte zu bewegen, weil es ihm das Gefühl vermittelt, Teil dieser Geschichte zu sein. Man nennt das Geborgenheit. Und ein Geborgenheitsbaustein ist eben die Architektur. Man flüchtet sich ins Alte vor den Zumutungen des Neuen und rekonstruiert eifrig vor sich hin - ob es sich dabei nun um das Berliner Stadtschloss oder die Frankfurter Altstadt handelt, spielt keine Rolle. Am Ende hat man ein Abziehbild der Vergangenheit.

ES GEHT IMMER WEITER

Hundehaltern sagt man nach, dass sie ihren Hunden irgendwann ähnlicher sähen, als ihnen recht sein kann. Blickt man den Menschen in Cergy-Pontoise ins Gesicht, spiegelt sich in ihnen oft auf erschreckende Weise jene Gleichgültigkeit, jene Leere und Unbehaustheit, die die DNA ihrer Stadt ausmacht. 
Georg Simmel sprach einst von der Architektur als gebaute Haut der Gesellschaft. In Cergy-Pontoise lässt sich besichtigen, was er meinte.

Es lässt sich auch besichtigen, was geschieht, wenn einer Stadt, deren Grundidee auf Dynamik beruht, die Beschleunigung abhandenkommt. Die Gewerbesteuer ist in den vergangenen Jahren in Cergy-Pontoise gestiegen, viele Unternehmen sind fortgezogen und mit ihnen die Arbeitsplätze. Jetzt stagniert die Wirtschaft, und die Stadt dämmert vor sich hin wie ein sterbender Patient.

Dass die funktionale Stadt gescheitert ist, ist bekannt. Bekannt ist ebenfalls, dass sie sich trotz allem virusartig ausbreitet. In Asien, Südamerika und sonstwo auf der Welt werden in atemraubender Geschwindigkeit unzählige Metropolen hochgezogen, in denen Menschen in übereinandergestapelten kästchenartigen Wohnungen hocken. 

Wir aber glauben, selbst noch sehr weit entfernt von einer Lebenswirklichkeit zu sein, deren Maxime die Funktionalität ist, und schlendern fröhlich durch die historischen Kulissen unsere Altstädte, umgeben vom Hauch der Vergangenheit. Zumindest die Illusion haben wir uns gerettet.

Quelle: F.A.Z. 15.01.2012 Ein Bericht von Melanie Mühl - Hier geht es zum Artikel: http://bit.ly/zNAJT0